Kempten – „Danke, dass ihr die Schokocroissants für uns ausgesucht habt.“ Ein kleiner Satz, gesagt von einem älteren Jungen zu zwei jüngeren Mädchen in der Kita Mikado in Kempten. Und doch steckt darin genau das, worum es im neuen Konzept geht: Gehört werden. Verantwortung übernehmen. Gemeinsam Entscheidungen treffen. Und erleben, dass die eigene Stimme etwas bewirken kann.
Die Entscheidung, was es an Fasching zu essen geben soll, traf nämlich das Kinderparlament. Seit Januar 2026 läuft das Projekt in der Kita Mikado. Ein Projekt, das zeigt, wie Demokratie schon bei den Kleinsten wachsen kann. „Partizipation ist kein Nice-to-have. Sie ist ein gesetzlicher Auftrag“, erklärt Einrichtungsleitung Anna-Lena Seiberle. Für sie und ihr Team bedeutet Mitbestimmung weit mehr als symbolische Abstimmungen. Es geht darum, Kinder ernst zu nehmen mit ihren Ideen, Bedürfnissen und oft überraschend klugen Lösungen.
In mehreren Kitas der Diakonie Allgäu gibt es bereits Kinderparlamente. Auch die Kita Mikado wollte Kinderrechte sichtbarer und erlebbarer machen. Unterstützt wird die Einrichtung dabei durch die pädagogische Qualitätsbegleitung des evangelischen Kitaverbands. Gemeinsam arbeitet das Team daran, Bestehendes weiterzuentwickeln und den Alltag noch stärker an den Kindern auszurichten. Grundlage dafür sind die Kinderrechte der UN-Kinderrechtskonvention – besonders das Recht auf Mitbestimmung sowie das Recht auf freie Meinungsäußerung und Information.
Ein Parlament auf Kinderhöhe
In der Kita Mikado werden insgesamt 74 Kinder betreut – zu viele, um alle gleichzeitig an jeder Entscheidung zu beteiligen. Deshalb wurde ein parlamentarisches System geschaffen: Aus jeder Gruppe wurden zwei Kinder gewählt. Gemeinsam mit einer erwachsenen Begleitperson bilden sie das Kinderparlament.
Regelmäßig trifft es sich in einem ruhigen Raum. Die Themen kommen sowohl von den Kindern als auch vom pädagogischen Team. Dabei geht es um ganz konkrete Fragen aus dem Kita-Alltag: Wohin soll der nächste Kita-Ausflug gehen? Welche Lieder laufen bei der Kinderdisco? Wie wollen wir den neuen Essensraum gestalten? Oder eben: Welche Speisen gibt es an Fasching? Die Ergebnisse werden auf einer eigenen Wand im Eingangsbereich dokumentiert – auf Kinderhöhe und für alle sichtbar. „Da merkt man plötzlich, was Beteiligung auslösen kann“, sagt Anna-Lena Seiberle.
Neue Wege im Umgang mit Bedürfnissen
Das Kinderparlament hat die gesamte pädagogische Haltung im Haus verändert. Früher wurden schwierige Situationen oft schnell unterbrochen, erzählt die Einrichtungsleiterin. Heute fragt das Team bewusster: Was braucht dieses Kind gerade? Wer zu viel Energie hat, kann eine Runde im Garten rennen. Auch die Turnhalle ist inzwischen häufiger geöffnet. Aus wilden „Gaudirunden“ wurden gezielte Bewegungsangebote mit Balancieren und motorischen Stationen. Die Atmosphäre in den Gruppen habe sich dadurch spürbar verändert. Auch Freispiel, Kleingruppenarbeit und die Nutzung der Räume wurden neu gedacht. „Es gibt viele Kinder, die Beziehung brauchen“, erklärt Anna-Lena Seiberle. „Wir versuchen, noch stärker am Kind orientiert zu arbeiten.“
Vielfalt feiern – gemeinsam entscheiden
Besonders sichtbar wird die neue Kultur des Miteinanders auch bei Festen. Im Kinderparlament wurde beispielsweise über eine „bunte Woche“ gesprochen, in der Ostern, Ramadan und das Holi-Festival thematisiert wurden. Gemeinsam informierten sich die Kinder zunächst darüber, was hinter den Festen steckt. Danach fiel die Entscheidung: Alle Feste sollen gemeinsam gefeiert werden.
Auch zukünftige Veranstaltungen werden mitgestaltet. Beim 30-jährigen Jubiläum der Kita im Juli entscheiden die Kinder unter anderem über die Disco-Playlist und Tanzbeiträge mit. Für den Herbst ist außerdem geplant, St. Martin mit dem hinduistischen „Festival of Light“ zu verbinden – unter dem gemeinsamen Gedanken von Wärme, Teilen und Vielfalt.
Demokratie wirkt weiter
Die Idee der Beteiligung bleibt inzwischen nicht mehr nur bei den Kindern. Auch Eltern und Elternbeirat wurden inspiriert: Im Eingangsbereich gibt es inzwischen einen Briefkasten, in den Eltern Ideen und Gedanken für den Beirat einwerfen können, sodass jede und jeder gehört wird.
„Es ist ein Privileg, Kinder so zu begleiten“, sagt Anna-Lena Seiberle. „Wenn wir wollen, dass unsere Gesellschaft mitmenschlicher und gemeinschaftlicher wird, müssen wir genau hier anfangen.“ Demokratie darf nicht nur in Sitzungen stattfinden. Sie muss im Kleinen jeden Tag passieren.