Memmingen – Das hat es im Caroline-Rheineck-Haus noch nie gegeben: Elf Auszubildende aus dem zweiten und dritten Lehrjahr übernehmen eine Woche lang die Verantwortung für den Pflegealltag. Die Pflegeschülerinnen und -schüler führen Gespräche mit Angehörigen, Ärztinnen und Ärzten, organisieren Aufnahmen und meistern sogar Notfallsituationen.
„Wir dürfen wie Fachkräfte handeln und werden auch so angesehen“, beschreibt Pauline die Woche. „Dieses Vertrauen hilft mir unglaublich. Ich habe gelernt, dass ich viel mehr kann, als ich mir oft selbst zutraue“, erzählt die 22-Jährige begeistert. Sie befindet sich im dritten Lehrjahr. Pflegefachkraft ist ihr Traumberuf.
Zum ersten Mal erleben sie und die anderen Auszubildenen, was es bedeutet, im Job eigenständig Entscheidungen zu treffen. Sie planen und leiten die Früh- und Spätschichten, richten Medikamente her, dokumentieren alle Prozesse. Als eine Krankenhauseinweisung notwendig wird, müssen sie gemeinsam überlegen, wie sie vorgehen und die Situation am besten handhaben.
Selbstvertrauen, das bleibt
Unterstützt werden sie dabei von sieben Praxisanleitenden der Diakonie Allgäu, die sich aber bewusst zurückhalten. Denn genau solche Erfahrungen seien für die Azubis wichtig, sagt Jennifer Engelhart, Einrichtungsleiterin und Pflegedienstleitung im Caroline-Rheineck-Haus. „Ab dem 1. September sind viele von ihnen Fachkräfte. Dann wird plötzlich erwartet, dass sie Verantwortung übernehmen. Genau darauf wollen wir sie vorbereiten.“
Die 29-Jährige erinnert sich noch gut daran, wie es ihr unmittelbar nach der Ausbildung erging: „Ich wurde damals von einem Tag auf den anderen ins kalte Wasser geworfen. Plötzlich trägt man Verantwortung für Menschenleben. Da kommen auch mal Ängste und Unsicherheiten auf.“ Mit dem Projekt möchte sie den Übergang von der Ausbildung in den Beruf erleichtern.
Aus Fremden wird ein Team
Doch nicht nur fachlich entwickelt sich die Gruppe der elf Pflegeschülerinnen und -schüler weiter. Da sie aus verschiedenen Einrichtungen der Diakonie Allgäu in Kempten und Memmingen kommen, kannten sie sich vorher nicht. David, ebenfalls im dritten Ausbildungsjahr, beeindruckt vor allem der Zusammenhalt, der innerhalb weniger Tage entstanden ist. „Es ist nie ein Alleine-Arbeiten, sondern immer ein Miteinander“, berichtet der 25-Jährige.
Zeit für gemeinsame Momente
Auch die 31 Bewohnerinnen und Bewohner des Caroline-Rheineck-Hauses genießen die besondere Woche. David, Pauline und Co. bringen nicht nur frischen Schwung ins Haus, sondern ermöglichen zahlreiche schöne Gespräche und wertvolle Augenblicke. Gemeinsam mit einer Bewohnerin blättern die Azubis durch alte Fotoalben und lauschen Geschichten aus ihrem Leben.
Mehr als Ausbildung
Für die Diakonie Allgäu ist die Projektwoche nicht nur ein Ausbildungsprojekt, sondern auch ein Beitrag zur Fachkräftesicherung. Die Übernahmechancen für Pflegefachkräfte seien hervorragend, betont Jennifer Engelhart. Gut ausgebildete Nachwuchskräfte würden in allen Einrichtungen dringend gebraucht. Umso wichtiger sei es, junge Menschen frühzeitig zu fördern und ihnen Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Sie selbst leitet mit 29 Jahren eine Einrichtung – ein Beispiel dafür, welche Chancen die Pflege bietet. Jennifer Engelhart möchte die Projektwoche im nächsten Jahr unbedingt wiederholen.