Kempten/Memmingen – Langeweile und hohe Kosten – rund um das Thema Tagespflege halten sich viele Vorurteile. Wer jedoch einen Blick hinter die Türen der Tagespflegen der Diakonie Allgäu wirft, erlebt einen Alltag voller Lebensfreude. Zeit, mit fünf hartnäckigen Irrtümern aufzuräumen.
Frau F. und Herr W. verabreden sich noch auf ein Aperölchen, bevor es um 16:30 Uhr wieder nach Hause geht. Frau M. hat nach 50 Jahren ihre frühere Nachbarin wiedergetroffen und schwelgt mit ihr in Erinnerungen. Und die 83-jährige Frau S. fühlt sich „wie im Urlaub". Am liebsten würde sie sogar über Nacht bleiben.
„Ich sage dann immer: Das könnten wir schon machen. Der Kühlschrank wäre voll. Das wird eine tolle Party", erzählt Carmen Mayer lachend. Sie leitet die Tagespflege der Diakonie Allgäu in Kempten St. Mang. Wie ihre Kolleginnen kennt auch sie die Fragen und Vorbehalte, die viele Menschen mit dem Thema Tagespflege verbinden.
Irrtum 1: „Tagespflege ist doch wie ein Pflegeheim.“
„Eigentlich gibt es Tagespflege gerade deshalb, damit Menschen möglichst lange nicht in ein Pflegeheim ziehen müssen“, erklärt Sabine Döhl, Leiterin der Tagespflege Memmingen. Die Gäste verbringen den Tag gemeinsam, essen miteinander, nehmen an Aktivitäten teil und fahren am Nachmittag wieder nach Hause.
Insbesondere Menschen mit Demenz profitieren von der festen Tagesstruktur, den sozialen Kontakten und der Aktivierung. Oft trägt das dazu bei, dass sie länger in ihrem vertrauten Zuhause leben können.
Irrtum 2: „Das kann ich mir nicht leisten.“
Viele Familien schließen Tagespflege aus, bevor sie sich überhaupt informiert haben. Dabei wissen viele nicht, dass die Pflegeversicherung hierfür ein eigenes Budget vorsieht. Ab Pflegegrad 2 übernimmt die Pflegekasse bis zu 721 Euro monatlich für die Tagespflege. Hinzu kommt der Entlastungsbetrag von 131 Euro. Macht bei einem Besuchstag in der Woche 40 Euro Eigenanteil im Monat, zwei Tage liegen bei ca. 180 Euro im Monat (inklusive Frühstück, Mittagessen, Nachmittagskaffee und Betreuung).
Wie hoch der Eigenanteil am Ende ausfällt, hängt von der individuellen Situation ab. „Man braucht einfach jemanden, der einem erklärt, welche Möglichkeiten es gibt“, sagt Carmen Mayer. Deshalb bieten die Tagespflegen der Diakonie Allgäu auch einen kostenlosen Schnuppertag mit individueller Beratung an.
Irrtum 3: „Dort sitzen doch alle nur herum.“
„Wer bei uns sitzen bleibt, ist selbst schuld“, sagt Sabine Döhl und lacht. Der Tagesablauf orientiere sich an den Menschen, nicht an einem starren Plan. „Manchmal steht Yoga auf dem Stuhl auf dem Programm und die Gruppe möchte lieber Bingo spielen. Dann spielen wir eben Bingo.“ In St. Mang wird nach dem Morgengebet gerne ein bisschen Gymnastik gemacht und musiziert. Das sei fast schon ein Ritual geworden.
„Die Erkrankungen unserer Besucherinnen und Besucher stehen bei uns nie im Mittelpunkt“, betonen Carmen Mayer und Sabine Döhl. „Das Leben ist schwer genug. Wir machen es uns hier schön. Die Menschen sollen mit einem Lächeln nach Hause gehen.“
Irrtum 4: „Meine Mutter würde dort niemals hingehen.“
Diese Sorge hören beide Einrichtungsleiterinnen immer wieder. „Viele haben Angst, dass sie nicht mehr nach Hause kommen“, erzählt Sabine Döhl. „Nach kurzer Zeit merken die meisten aber: Hier erwartet niemand etwas von mir. Ich muss nichts können. Ich darf einfach so sein, wie ich bin.“
Sie rät Angehörigen deshalb, das Gespräch nicht über Pflegebedürftigkeit zu führen. „Viel besser funktioniert es, zu sagen: Mama, du bist doch so pfiffig. Schau dir das doch einfach mal an.“
Carmen Mayer erinnert sich an eine Ehefrau, die ihren Mann zunächst nur widerwillig zu einem Schnuppertag anmeldete. Heute besucht er die Tagespflege viermal pro Woche. „Beide hätten sich vorher nie vorstellen können, wie gut ihnen das tut“, erzählt sie. „Deshalb ist der Schnuppertag so wichtig. Man muss es einfach erleben.“
Irrtum 5: „Tagespflege ist nur etwas für sehr alte Menschen.“
„Da muss ich immer lachen“, erzählt Sabine Döhl. „Der Opa meines Mannes hat mit über 90 Jahren gesagt: 'Da gehe ich nicht hin. Die sind ja alle so alt.'“ Wie alt jemand ist, spiele im Alltag kaum eine Rolle. Viel wichtiger sei, dass sich die Menschen wohlfühlen.
In St. Mang habe sich eine richtig tolle Gemeinschaft entwickelt, berichtet Carmen Mayer. „Manche haben sogar einmal zusammen gearbeitet. Bei uns finden sie sich wieder, lachen gemeinsam, spielen Mensch ärgere dich nicht und genießen unseren wunderschönen Garten.“
Für Sabine Döhl ist die wichtigste Botschaft: „Pflege zu Hause kann nur so gut gelingen, wie es den Angehörigen selbst geht.“ Tagespflege sei deshalb kein Abschieben und auch kein Zeichen von Überforderung. „Sie ist eine Möglichkeit, Kraft zu tanken – für beide Seiten. Wenn Angehörige einmal durchatmen können und unsere Seniorinnen und Senioren einen schönen Tag erleben, gewinnen am Ende alle.“
Weitere Infos finden Sie auf: www.diakonie-allgaeu.de
Kontakt:
Tagespflege St. Mang
Hauffstraße 9
87437 Kempten
Telefon +0049 831 96040-80
Fax +0049 831 96040-81
Tagespflege Memmingen
Rheineckstraße 45
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