Kempten – Warum schaut man manchmal weg, wenn andere ausgegrenzt werden? Was hält Menschen davon ab, einzugreifen? Und was kann jeder Einzelne tun, damit aus einer Gruppe eine Gemeinschaft wird? Mit diesen Fragen beschäftigen sich derzeit die 25 Kinder der Hortgruppe „Phönixe“ im Haus für Kinder und Eltern (HKE) der Diakonie Allgäu. Die Sieben- bis 13-Jährigen entwickeln dabei ganz konkrete Ideen für ihren eigenen Alltag.
Ausgangspunkt des Projekts ist eine Geschichte, die die Kinder und pädagogischen Mitarbeitenden gemeinsam erarbeitet haben. Sie erzählt von einem Jungen, der in der Schule immer wieder von einer vermeintlich coolen Gruppe ausgeschlossen und verspottet wird. Die anderen Kinder beobachten das Geschehen, greifen aber nicht ein. Schließlich versprechen die Wortführer dem Jungen, er dürfe mit ihnen Fußball spielen, wenn er ein Glas mit Wasser und Matsch austrinkt. Der Junge tut es. Mitspielen darf er trotzdem nicht.
Die Geschichte sorgte in der Gruppe für viele Fragen. Warum hilft niemand? Haben die Anderen Angst, selbst zum Ziel zu werden? Wollen sie vor allem bei den beliebten Kindern gut dastehen? Warum sucht sich der Junge keine Hilfe? Und was bringt Menschen überhaupt dazu, andere kleinzumachen?
Die Kinder schilderten ihre eigenen Beobachtungen und Erfahrungen aus Schule, Familie und Sport und schrieben danach auf zwei Plakaten Verhaltensweisen auf, die andere verletzen können – ebenso wie Ideen dafür, wie ein gutes und faires Miteinander gelingen kann. Sätze wie „Wir schauen hin und hören nicht weg“, „Wir helfen uns gegenseitig“, „Wir müssen unsere Macht nicht zeigen“ oder „Wir nehmen andere so an, wie sie sind“ bilden nun die Grundlage für die weiteren Projektwochen. Alle drei Tage nimmt sich die Gruppe einen dieser Gedanken besonders vor. Dann wird gemeinsam überlegt, wie er sich konkret umsetzen lässt.
Beim Satz „Wir helfen einander“ unterstützen die Kinder Jüngere beispielsweise dabei, etwas aus einem hohen Regal zu holen, erklären Spielregeln, tragen gemeinsam Dinge vom Speisesaal in die Gruppe oder helfen bei den Hausaufgaben, wenn jemand eine Aufgabe nicht versteht. Auch außerhalb des Horts lässt sich der Gedanke weiterführen, etwa indem man einer älteren Person eine schwere Tasche abnimmt oder im Bus den eigenen Sitzplatz anbietet. „Die Kinder merken dabei schnell, dass Zusammenhalt nichts Abstraktes ist und dass es oft gar nicht viel braucht, um füreinander da zu sein – sei es, indem sie hinschauen, helfen oder den Mund aufmachen, wenn etwas nicht fair läuft“, sagt HKE-Mitarbeiterin Theresa Brandtner. „Und sie erleben, dass sie selbst etwas tun können, um etwas zum Positiven zu verändern.“