Was kostet gute Pflege

Diakonie Allgäu gibt Einblicke und Orientierung für Familien

 

Memmingen – Wenn ein geliebter Mensch plötzlich auf Unterstützung angewiesen ist, gerät der Alltag vieler Familien häufig aus dem Gleichgewicht. Neben der emotionalen Belastung tauchen ganz praktische Fragen auf: Wer hilft uns jetzt? Wie schnell bekommen wir Unterstützung? Und nicht zuletzt: Können wir uns gute Pflege überhaupt leisten?

Genau in solchen Situationen steht die Diakonie Allgäu Familien seit vielen Jahren zur Seite. Wie sie konkret vorgehen können und was sie erwartet, hat uns Pflegeleitung Alexandra Horstmann vom Häuslichen Pflegedienst in Memmingen im Gespräch erklärt.

Frau Horstmann, vielleicht beginnen wir mit einer typischen Situation: Ein Elternteil kommt nach einem Sturz aus dem Krankenhaus nach Hause und plötzlich ist klar, alleine geht es nicht mehr. Was sollten Angehörige jetzt tun?

Das ist tatsächlich eine sehr häufige Situation. Viele stehen dann von heute auf morgen unter Druck und wissen nicht, wo sie anfangen sollen. Mein erster Rat ist: Holen Sie sich frühzeitig Unterstützung. Sie können sich jederzeit direkt bei uns melden – telefonisch oder per E-Mail. Auch wenn noch vieles unklar ist. Oft reicht schon dieses erste Gespräch, um Struktur in die Situation zu bringen und die nächsten Schritte klarer zu sehen.

Viele haben in so einem Moment das Gefühl, sofort alles entscheiden zu müssen. Ist das so?

Nein, und genau das ist wichtig zu verstehen. Man muss nicht sofort die „große Lösung“ finden. Pflege entwickelt sich oft Schritt für Schritt. Es geht zunächst darum, die akute Situation zu stabilisieren: Wer hilft morgens? Wer unterstützt beim Waschen oder Anziehen? Wie kommt jemand sicher durch den Tag? Darauf bauen wir dann gemeinsam auf.

Was passiert konkret, wenn ich Sie kontaktiere?

Wir melden uns zeitnah zurück und vereinbaren bei Pflegeanfragen ein persönliches Erstgespräch. Dieses Gespräch dauert ca. ein bis zwei Stunden und findet in der Regel bei den Menschen zu Hause statt. Das ist uns sehr wichtig, weil wir dort die Situation wirklich verstehen: Wie lebt die Person? Welche Wege gibt es in der Wohnung? Wo sind Herausforderungen im Alltag? Gleichzeitig ist es für die Betroffenen oft angenehmer, im eigenen Zuhause, in ihrer vertrauten Umgebung, zu sprechen.

Wie läuft dieses Gespräch ab?

Pflege ist für viele Familien zunächst ein regelrechter „Finanzierungsdschungel“. Wir klären noch vor Ort, welche Leistungen es gibt, wer was übernimmt und was möglich ist. Die Pflegekasse unterstützt zum Beispiel bei der Körperpflege oder im Haushalt, die Krankenkasse übernimmt medizinische Leistungen wie Wundversorgung, wenn sie ärztlich verordnet sind. Je nach Pflegegrad gibt es feste Budgets, alles darüber hinaus ist ein Eigenanteil.

Viele erschrecken, wenn sie zum ersten Mal mit den Kosten konfrontiert werden. Wie gehen Sie damit um?

Das erleben wir immer wieder. Deshalb schauen wir gemeinsam: Was wird wirklich gebraucht? Was ist im Alltag entscheidend? Was ist finanziell machbar?

Oft ist es ein Prozess der Annäherung. Wir sprechen darüber, wie ein typischer Tagesablauf aussieht, welche Unterstützung entlastet und was vielleicht auch (noch) nicht notwendig ist. So finden wir gemeinsam eine Lösung, die zur Lebenssituation passt.

In der ambulanten Pflege sind wir sehr flexibel – von einzelnen Einsätzen pro Woche bis hin zu mehrmals täglicher Versorgung. Außerdem sind wir bei der Diakonie Allgäu sehr gut vernetzt. Übrigens: Auch die Pflegestützpunkte beraten wohnortnah.

Wie schnell kann Hilfe dann tatsächlich starten?

Wir versuchen immer, so schnell wie möglich zu reagieren. Gerade nach Krankenhausaufenthalten ist der Bedarf oft dringend. Deshalb ist es so wichtig, frühzeitig Kontakt aufzunehmen. Viele Angehörige befürchten lange Wartezeiten. Aktuell können wir im Memminger Stadtgebiet noch Kapazitäten anbieten und zeitnah unterstützen.

Plötzlich hat man fremde Menschen im eigenen Zuhause. Ein sensibler Punkt, denn mitunter ist das ja recht intim. Wie gehen Sie damit um?

Mit viel Respekt und Zeit. Das Zuhause ist ein sehr persönlicher Raum, und diese Hemmschwelle ist absolut nachvollziehbar. Wir achten darauf, dass möglichst feste Bezugspersonen eingesetzt werden und nicht ständig wechselnde Pflegekräfte kommen. So kann Vertrauen entstehen. Und wir begleiten diesen Einstieg bewusst langsam. Damit sich alle an die neue Situation gewöhnen können.

Woran erkenne ich, ob ein Pflegedienst wirklich zu uns passt?

Achten Sie auf Ihr Gefühl. Schon beim ersten Kontakt zeigt sich viel: Wird zugehört? Wird auf Ihre Situation eingegangen? Nimmt sich jemand Zeit? Das persönliche Gespräch ist entscheidend. Und wenn sich etwas nicht stimmig anfühlt, sollte man sich die Freiheit nehmen, weiterzusuchen.

Was macht für Sie persönlich gute Pflege aus – jenseits vom perfekten Wundverband?

Dass der Mensch im Mittelpunkt steht. Nicht nur seine Bedürfnisse, sondern auch seine Gewohnheiten, seine Persönlichkeit. Pflege bedeutet, sich auf unterschiedliche Lebenssituationen einzulassen und dabei respektvoll und professionell zu handeln. Gerade weil wir im Zuhause der Menschen arbeiten, braucht es viel Feingefühl. Diese Balance macht gute Pflege aus. Ich freue mich sehr, dass wir so positive Rückmeldungen in puncto Freundlichkeit erhalten. Unsere Mitarbeitenden sind wirklich mit Herz dabei.

Kann oder sollte ich eigentlich schon vorab etwas klären, bevor häusliche Pflege nötig wird?

Ja, unbedingt. Ein zentraler Punkt sind Vollmachten und Patientenverfügungen. Viele wissen nicht, dass selbst enge Angehörige – also Ehepartner oder Kinder – nicht automatisch Entscheidungen treffen dürfen. Damit wir Dinge in die Wege leiten können, brauchen wir aus Datenschutzgründen eine entsprechende Vollmacht der pflegebedürftigen Person. Deshalb ist es wichtig, sich rechtzeitig zu überlegen: Wer soll für mich entscheiden dürfen, wenn ich es selbst nicht mehr kann? So nimmt man sich selbst und seinen Angehörigen später viel Druck ab.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Horstmann!

 

Die Diakonie Allgäu unterstützt Familien mit individueller Beratung rund um häusliche Pflege. Den Standort in Memmingen erreichen Sie unter haeusliche-pflege@diakonie-allgaeu.de oder telefonisch unter 08331 758-38. Alle Angebote finden Sie auf www.diakonie-allgaeu.de.

Zum Hintergrund: Tag der Pflegenden

Der internationale Tag der Pflegenden am 12. Mai macht auf die unverzichtbare Arbeit von Pflegekräften aufmerksam. Gleichzeitig richtet er den Blick auf die Situation von pflegebedürftigen Menschen und ihren Angehörigen, und auf die Frage, wie gute Pflege auch in Zukunft für alle zugänglich bleiben kann.

 

Foto: Seit fast 50 Jahren gibt es den Standort Memmingen: Alexandra Horstmann im Auto) und ihr Team.

Foto: Alexandra Horstmann

 

 

Foto: Valentina Raskovic (li.), Pflegefachkraft und Praxisanleiterin und Martina Reisch (re.), Betreuungskraft und Hauwirtschafterin vom Häuslichen Pflegedienst der Diakonie Allgäu

Foto: Alexandra Horstmann